Wenn man nicht "ganz“ aussteigt, kann die Seele nicht gesunden....

"Wenn Fromm-Sein krank macht"   
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Wenn der Ausstieg nicht *ganz* stattfindet, kann keine Gesundung stattfinden.

Und das ist grausam schwer!! Wenn man so intensiv und existenziell mit den „frommen Inhalten“ und dem dazu gehörigen Drum und Dran verwachsen ist und so mantramäßig damit geimpft und darauf geeicht ist - dann muss es schon wirklich dicke kommen, um sich davon lösen zu können.

Und zwar wirklich lösen - nicht nur ein bisschen, um sich dann wieder dem nächsten frommen Projekt anzuschließen oder gar selbst eins zu gründen.
Als ich am Anfang in der Ausstiegsszene im Internet stöberte, war ich zunächst heilfroh, dass es dort hilfreiche Impulse gab - aber irgendwann wusste ich nicht mehr so recht, ob ich weinen oder mit dem Kopf schütteln soll: Da, wo man endlich Hilfe, Mitgefühl und Trost zu finden glaubte, gingen schon wieder Machtspielchen los: So viele verletzte Schäfchen, die sich aus dem Griff der Wölfe gelöst hatten - und doch nicht gelöst hatten! So manche von ihnen wurden auf subtile Weise dann selbst zum Wolf...

Wobei die Internetszene natürlich nicht repräsentativ ist, da zanken sich wohl nur die Härtesten durch die Foren. Die meisten traumatisierten Ausgestiegenen im „echten Leben“ trauen sich sowas gar nicht und leiden vermutlich still vor sich hin, werden aus Angst komplett unsichtbar, werden krank, bringen sich um, oder hangeln sich hier und da doch wieder weiter durch die fromme Szene.

Das „Wieder-zum-Wolf-werden“ beinhaltet zwar den „klassischen“ Weg der Unrechtsverarbeitung, wie es auch zuhauf bei anderen Missbrauchserfahrungen unbewusst angewandt wird: Man „gibt es weiter“ sozusagen - und denkt, dass man es damit „loswird“. Wofür ich zwar insofern sogar ein wenig Mitgefühl habe, da es ja letztlich nicht komplett aus Bosheit, sondern auch aus Verzweiflung geschieht - aber es ist schlicht und einfach „nicht zielführend“.
Bestenfalls geht da im ersten Moment vielleicht der Druck in seiner schmerzenden Seele ein bisschen weg, aber danach ist alles immer noch da, also nur eine Schein-Erleichterung. Nicht-verarbeitete Schmerzen verdichten sich nach Jahren zu Hass (was dann bisweilen absurde Blüten treiben kann - z.B. Beschimpfen und Retraumatisieren der eigenen Leidensgefährten, augenfällige Projektionen oder gar Stalking).

Wer aber aus der eigenen Geschichte wirklich *lernt*, gibt nicht weiter, sondern entdeckt das „Distanzieren“: Sozusagen das „Wählen eines anderen Weges“.
Ja, es gibt andere Wege. Ganz andere Wege!
Lass die Angst hinter dir. Denn Angst war ja genau das, womit man dich in Schach (und „im Gehorsam“) gehalten hat.

Wenn die Gemeinde deine Angst am/ im/ vorm Leben fördert, dann lass die Gemeinde hinter dir, auch wenn sie noch so „heilsentscheidend“ zu sein meint.
Wenn der Glaube dein (vermeintlich) schlechtes Gewissen auch noch *ernährt*, verlass den Glauben.
Angst und Liebe passen nicht zusammen.
Wenn an einem Ort die Angst in dir gefördert, aufrecht erhalten und/ oder „benutzt“ wird, dann ist es kein guter Ort zum Leben und Lieben. Wähle einen anderen. Besseren. Auch wenn da zuerst nichts „Besseres“ ist, sondern nur das „Nichts“. Aber kämpfe dich da durch. Du wirst „das Bessere“ eines Tages finden. (Kein Witz - auch wenn es während der „Nichts“-Phase übel aussieht). Suche dir verständnisvolle Mitmenschen zum Reden, schreibe, male, laufe... Und lass dich nicht verunsichern - vertrau dem, was deine Wahrnehmung dir mitteilt!!!

Gemeinde“, bzw. „Kirche“ ist ja, wenn man's mal ganz genau und bei Tageslicht betrachtet, eine Erfindung von Menschen. Gott ist nicht darauf angewiesen. Seine Schöpfung funktioniert in sich schon perfekt.
Trau dich, in dem entsetzlichen Loch des „Nichts“, das dich nach dem Gemeindeausstieg beinahe zu erdrücken droht, auszuhalten. Das ist innere Schwerstarbeit - die nur der nachvollziehen kann, der es selbst erlebt hat. Wer hier die Notbremse des Suizid wählt, hat durchaus mein größtes Mitgefühl, ich weiß, wie schrecklich man sich da fühlt!! Wenn du irgend kannst: Warte noch ein bisschen - hoffe „ins Nichts“ und „durch's Nichts“ - es gibt ein „Leben nach der Gemeinde“!
Ich hab das Verarbeiten des radikalen Verlustes mal mit dem Absturz eines Flugzeugs verglichen - das Empfinden und das Pensum der Trauerabeit ist so umfangreich, als hätte man bei einem Absturz alle Bekannten und Verwandten auf einen Schlag verloren. Und genau dieses Extrem-Erlebnis ist groteskerweise wohl anscheinend nötig, um die extrem feste Verbindung der Seele zu diesem Umfeld zu lösen. Mit weniger schafft man es nicht - man hängt sich sonst immer wieder irgendwo dran.

Wer das alles aushält, wird anschließend tatsächlich staunen und sich sehr wundern, wenn er nach dem Aushalten und Schmerz schrittweise in eine viel weitere, größere, platzreichere Ebene eintreten kann. Auch wird er sich dann immer wieder an den Kopf fassen und noch manche Peinlichkeits-Sekunde empfinden beim Zurückschauen: Wenn er sich nämlich fragt, wie er in einer so engen Welt so selbstverständlich das „Alles“ gesehen haben konnte.

Freude tritt ein - über das Neue.
Der Mensch darf endlich Mensch sein.

Wachstum, Freiraum, Weite.

>>Wenn ihr nichts weiter tut, als die Regeln eines anderen zu befolgen, entwickelt ihr euch nicht weiter, sondern gehorcht nur.<< (N. D. Walsch)



T. F. '09






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