“Reine Lehre“ und der Protest der Seele

"Wenn Fromm-Sein krank macht"   
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Höchste Theologie...


Dr. Grätz (Name und Person erfunden), hoch verehrt in der überfrommen Welt, besonders gebildet mit frommer Insider-Theologie, hat ein bisschen Probleme, vor lauter Verkrampfung und Korrektheit beim Reden nicht von der Kanzel zu fallen. Bei jedem Wort, das er durch den regungslosen, für die gesamte nächste Stunde zu einem gleichförmigen Schlitz erstarrenden Mund in das Mikro quält, wird man selbst auch verkrampfter, bekommt Atemschwierigkeiten und Herzrhythmusstörungen, kann den eigenen Körper immer weniger spüren. Man hält aber tapfer alles aus, da es ja Dr. Grätz ist - und wenn der keine Weisheit hat, wer dann? Also beugt man sich willig der unter "theologischer Bildung" getarnten Gemeinde-Programmierung, nimmt die kranke Steifheit und die absurden, verdrehten Appelle mit weitem Herzen auf und versucht, dem großen Meister weiter ähnlich zu werden.


Er nötigt irgendwie alles in theoretische Barrieren, veranstaltet irgendwelche geistigen Klimmzüge, nötigt den Zuhörer in die gewünschte Richtung und endet dann in starren künstlich-geistlichen Appellen (oder wohl eher Zwängen), die sich düster und aufdringlich in alle Nischen schieben. So eine Mischung aus seelischer Vergewaltigung und geistiger Leere. Man fühlte sich auch dauerhaft wie auf einer Beerdigung während der Predigt. Die Kälte und der Staub des Gemeindesaales werden immer "lauter" und peinigender, während man starr und tapfer aushält. Arme und Beine werden immer kälter. Auf der Seele liegt inzwischen eine schwere Last. Vom Eindruck her fehlt eigentlich nur noch ein Leichenwagen im Altarraum.

Man ist heilfroh, wenn man hinterher erstarrt und benommen in die Sonne hinaustaumeln kann - und allmählich wieder in der Lage ist festzustellen, dass man wieder atmen kann und es auf dem Erdball noch Wärme und Leben gibt. Und die "kalte Todespredigt" endlich zuende ist...


Auf einer riesengroßen, überregionalen Glaubenskonferenz verkündet Dr. Grätz eindringlich, dass das Gebot der Liebe z.B. dadurch verletzt werde, wenn am Schluss eines großen Gemeinde-Sommerfestes beim Schlusslied des Chores die Chormitglieder beim Singen dann mit ihren "schwarzen Knollen" barfuß dastehen - hä? - ja, vom Barfußlaufen, Spielen und Toben auf der großen Wiese, wo zuvor fröhlich gepicknickt wurde zum Kaffee und Mittagessen - und dann am späten Nachmittag beim Schlusslied die Sänger es *barfuß* wagten, ein frommes Chorlied im Altarraum des Gemeindehauses zu singen... Stimmt, diesen spontanen Ausdruck der Lebensfreude sollten sie mindestens mit dem ewigen Höllenfeuer büßen, damit sie wieder wissen, wo es langgeht... Gut, wenn jemand so hoch gebildet ist wie Dr. Grätz - der Gottseisgedankt natürlich "einer von uns" ist, also die hirnwaschtechnisch indoktrinierenden speziellen Insider-Ausbildungsstätten durchlief und somit also auch keine "verfälschte Lehre" aufgenommen hat. Bei ihm ist keine Verderbnis, sondern wirklich Reinheit. Er ist ein wahrer Meister der Selbstdisziplin, die er zur Ehre des Herrn sogar täglich vor sich herträgt in Form eines immensen und geistlich beeindruckenden Körperumfangs. Seine Herzbeschwerden sind bestimmt Angriffe des Teufels, auf die er stolz sein kann - denn wer vom Teufel so persönlich attackiert wird, muss schon ziemlich heilig und wichtig sein! Mit seinem verkrampften Lebenswandel hat das natürlich nichts zu tun. Das Herz ist schließlich autark und hat nichts mit der Hülle zu tun, sondern sollte lediglich mit Gott in Kontakt sein. Nun, an der direkten Schnittstelle zu Gott ist seines ja auch nahe dran, besonders bei den Infarkten, und dank jeglicher Gefühlsunterdrückung "gereinigt", also völlig verkopft. Zum Ausgleich für das Überleben der Seele sorgt ja das heimliche Frustfressen. Aber das ist dann mal so - ist ja nur das Fleisch. Geist und Seele sind viel wichtiger. Und wenn seine Frau, die so willig sich unter ihn beugt und geistlich ergeben lächelnd am Herd steht, nunmal so gut kocht - dann muss man das ja auch honorieren.


Und dass ich beim Lauschen auf seine Predigten im Laufe der Jahre immer mehr Alarmanlagen in mir losgehen spüre, beunruhigt mich natürlich. Ich kleiner Dödel sollte so jemand Großes als "Bibelverdreher" oder gar "Irrlehrer" empfinden? Was für überhebliche Gedanken. Leider werden sie immer stärker und quälender. Sagen kann man da wohl schlecht was, dann wird man höchstens selbst "ausgeschaltet". Also bleibt noch der Rückzug.

Dauert halt oft lange, bis die Schmerzgrenze so weit überdehnt ist, dass man endlich geht, da die Hoffnung ja bekanntlich zuletzt stirbt. Aber irgendwann schnallt es dann auch der wohlwollendste Hoffnungs-Weltmeister, dass da was falsch läuft.


Schade. Da ist also keine Nahrung zu finden.





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