"Wenn fromme Despoten ihre Mitmenschen erfrieren lassen"

"Wenn Fromm-Sein krank macht"
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Die großen Heunebann's


Ich war als Jugendlicher mal bei einem freundlichen Ehepaar, die ein offenes Haus und gerne Besuch hatten. Zeitgleich mit mir war auch eine Frau mittleren Alters dort - "zur Erholung", wurde mir mitgeteilt. Nennen wir sie mal "Lisa" (Name erfunden). Sie hätte Depressionen und wollte bisschen Abstand von zu hause und so. Das fand ich gut, dass sie hier ein bisschen Auszeit und Erholung finden konnte. Sie machte auch wirklich einen recht fertigen Eindruck - wie soll man das beschreiben? - ich würde mal sagen: "Gequält" oder so etwas war das, was von ihr ausging. Sie tat mir wirklich leid. Irgendwie hatte ich noch gar nicht so geschnallt, wer das war - allmählich checkte ich: Die Gastgeber sagten, dass Lisa mit Nachnamen "Heunebann" hieß (Name ebenfalls erfunden). Ich stutze - was? DIE Heunebann's?? Ja, die...! Ich war erstaunt, dass so jemand dann so fertig war.... die großen Heunebann's - die doch durch's Land zogen und andere im Glauben unterwiesen... fromme Schriften rausgaben... fromme Standarts setzten... Na, vielleicht hatte sie sich bei all dem Einsatz bisschen verausgabt und musste nun wieder auftanken? Aber komisch war mir das irgendwie. Die "Art" ihres Erledigt-Seins passte nicht dazu, irgendetwas stimmte nicht.

Wenige Tage später war ich wieder dort, Lisa war auch noch da, hatte dort ja einige Tage "Erholungsurlaub" verbracht sozusagen. Dann erfuhr ich von den Gastgebern, dass heute auch Lisa's Mann kommen würde. "Ooooh!", dachte ich, "na, das ist ja was. Seh ich diese besonderen Menschen sogar aus nächster Nähe." Ja, soviel war schon von ihnen geschwärmt worden. So blieb ich noch ein paar Minütchen da, zumindest bis ich den Mann auch noch gesehen hätte. Endlich kam er. Wir waren im Garten der Gastgeber und alle begrüßten sich. Auch ich gab ihm die Hand und grüßte. Mein Lächeln blieb mir aber schnell im Halse stecken - was hatte er da gesagt?? Ich kann mich bis heute nicht an den Wortlaut erinnern, so entsetzt war ich - aber es war irgendetwas total Unverfrorenes. Und das schon beim Begrüßen? Und dann noch von so einem - superfrommen - äh - von DEM großen Heunebann? Ich schwieg entsetzt, antwortete nichts weiter und versuchte es unter den Tisch fallen zu lassen. Aber innerlich war ich so dermaßen verstört, dass ich mich bis heute ärgere, dass ich nicht den Mut hatte, meinen Eindruck ganz dierekt zu sagen - denn "gefühlt" haben es bestimmt alle, aber es wurde "mit dem Mäntelchen der Liebe" überdeckt - weil es doch eben der große Heunebann ist. So wie seine Frau es jahrelang getan haben musste: Alles mit Liebe überdecken und den Despoten machen lassen.
Auch mit den anderen im Garten kommunizierte er übrigens ziemlich arrogant, selbstherrlich und einfach ekelhaft, demütigte seine Frau mit vermeintlichen "Witzchen" freimütig vor allen Leuten. Gequältes Lächeln, keiner wies ihn zurecht. Ich konnte das nicht lange ertragen, dass so jemand auch noch so hofiert wurde - und da ich deshalb fürchtete, möglicherweise doch den Mund aufzumachen und damit die Gastgeber zu brüskieren, ging ich dann möglichst umgehend nach hause.

Schon bei "unserer" Begrüßung spürte ich im Bruchteil einer Sekunde, dass er ebenfalls in diesem Moment begriff, dass ich ihn durchschaute. Darum auch seine patzige Bemerkung. Dabei hatte ich gar nichts gesagt. Ich hatte ihn nur angeschaut und freundlich und unvoreingenommen begrüßt. Das hatte ich oft, dass ich Menschen "wie ein offenes Buch las" - nur ich Trottel habe es selber nicht so geblickt, eben weil es mir so selbstverständlich war, sondern meistens verdrängt, weil ich dachte, sowas "Schlimmes" wie meine Intuition mir gerade mitteilte, dürfe ich doch nicht über jemanden denken, den ich noch gar nicht kenne. Im Mittelalter wäre ich wahrscheinlich als Hexe verbrannt worden. In den Gemeinden suchte man zwar einerseits händeringend nach solchen sogenannten "Propheten" (total überzogenes Wort, ist eigentlich wohl nur die fromme Version von "Hexen", oder einfach nur die feinstofflich erweiterte Form des ganz normalen "gesunden Menschenverstandes"), aber andererseits lieber nach solchen, die das sagten, was man hören wollte. Sah mal einer bisschen in die Charakterabgründe und das Herz und enttarnte die wahre Motivation eines Menschen - da war schnell Schluss mit dem frommen Lächeln. Wirklich an sich arbeiten und gar die Wahrheit in Betracht ziehen, das hätte Arbeit gemacht - also lieber das fromme Gesäusel..

Wenn ich heute wieder an die Begrüßung im Garten denke, gebe ich einfach grad mal nachträglich in Gedanken eine Antwort: "Ooh! Na, dann ist ja kein Wunder, dass Ihre Frau so mit den Nerven runter ist. Ich brauche Sie nicht lange studieren, um zu sehen, dass sie ein narzistisches, infantiles, aufgeblasenes Riesen-Ar***loch sind. Und Sie sind also der große Heunebann? Um Gottes Willen..."

Ich frage mich wirklich, warum in frommen Kreisen immer soviel Absurdes ertragen wurde, anstatt Leuten, die es dringend bräuchten, mal die Puschen auszuziehen...



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